Wacken Stories: Hansi Kürsch

28. September 2018



In fast 30 Jahren W:O:A kommt einiges an Geschichten zusammen – ob abgefahren, herzerwärmend, hintergründig oder einfach lustig. Diese Geschichten haben wir gesammelt und dazu mit den Leuten gesprochen, die auf oder neben dem „Wacken Holy Ground“ leben, arbeiten und feiern. Ihre Erlebnisse zeigen den besonderen Geist des Festivals, deshalb viel Spaß mit besonderen Anekdoten, die es nicht überall gibt: Hier sind die „Wacken Stories“!Hansi Kürsch (Blind Guardian-Sänger, Schottenrockexperte, Spiegelverflucher)
„Ich bin nun mal kein Schotte und weiß nicht, auf welcher Seite der Rock offen ist“

Der Teufel liegt im Detail: Mit großen Bühnen kennt sich Blind Guardian-Sänger Hansi Kürsch aus, mit traditioneller schottischer Bekleidung nicht. Als Gast von Grave Digger erlebt er deshalb auf der Bühne vor Zehntausenden Fans seine besondere „Wacken Story“.

„Man macht sich immer viel zu viele Gedanken über die falschen Dinge. Das gilt natürlich besonders für das Erscheinungsbild beim W:O:A. Sitzt die Frisur? Sehe ich cool genug aus? Oder bin ich vielleicht zu dick? Das ist gelebte Geschichte: 2010 durfte ich mit meinen Freunden von Grave Digger in Wacken auf die Bühne. Ich war natürlich Feuer und Flamme, doch der Geist ist willig, der Körper ist schwach. Deshalb kam ich standesgemäß für einen echten Rockstar viel zu spät im Backstage-Bereich an. Weil Grave Digger das gesamte ‚Tunes Of War‘-Album mit Gästen präsentieren wollten, erklärt mir Chris (Boltendahl, Sänger – Anm.d.A.), dass alle als Schotten verkleidet sein sollen. ‚Na klar!‘ antworte ich gedankenlos, kein Problem im Sommer.

Chris trägt an dem Abend also einen Deluxe-Kilt, Doro ein schönes Kleid – und ich? Wie alle anderen einen Schottenrock. Außerdem heißt es, echte Schotten würden nur mit nacktem Oberkörper auftreten. „Egal, ich zieh das jetzt durch“, denke ich mir. In meinem tiefsten Innern allerdings nagt eine penetrant zweifelnde Stimme an mir: ‚Vielleicht doch besser mit T-Shirt?‘ Ein Blick in den Garderobenspiegel klärt die Sache auf dem kurzen Dienstweg. Nicht nur das: Mir wird klar, dass ich mich bis zur kurz danach stattfindenden Blind Guardian-Tour auf Zwangsdiät setzen muss. Drecksspiegel! Warum ich den Schottenrock dann noch mal ausgezogen habe, weiß ich nicht mehr. Vielleicht, um eine Unterhose anzuziehen, auf die ich wie angeblich die ‚echten Schotten’ zuerst verzichten wollte? Fest steht, dass ich im Eifer des Gefechts – immerhin startet in ein paar Minuten eine Headliner-Show in Wacken – den Rock falsch herum wieder anziehe. Ich bin nun mal kein echter Schotte und hatte keine Ahnung, wo bei dem Teil vorne und hinten ist. Heute weiß ich es.

Und schon stürme ich mit meinem Halbwissen über Schottland und Rebellion auf die Bühne und stelle in geiler Rockstar-Pose ein Bein auf die Monitorbox. Nun ist bei so einem Schottenrock die Rückseite offen – und bei mir eben jetzt vorne. Es passiert also, was passieren muss: Sofort kommt meine zum Glück erst am Morgen gewechselte Unterhose zum Vorschein, vor Tausenden von Leuten.

Das ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Fotografen. Von da an folgt mir der Kameramann auf ‚Tritt und Schritt‘ (im wahrsten Sinne des Wortes), wahrscheinlich befeuert von der Hoffnung, dass ich noch mehr von mir preisgebe. Bilder, die man nicht vergisst. Wer will da schon noch nackte Haut sehen? Manchmal ist weniger mehr. (Ok, den letzten Satz streichen wir, der kann missverstanden werden.) Das Publikum scheint jedoch bester Laune zu sein, und ich feiere mich innerlich für eine weitere gelungene Wacken-Show ab. Allerdings stelle man sich mal vor, ich wäre ohne Unterhose gegangen. Der Respekt und die Sympathie der weiblichen und wahrscheinlich auch der männlichen Besucher wäre mir auf alle Zeiten sicher gewesen.

Aber auch so war der Abend eine recht erfolgreiche Angelegenheit. Man mag mich eben auch wegen meiner inneren Werte. Vier Sachen habe ich zudem gelernt: Erstens ich bin kein Schotte, zweitens werden Mode und Dresscodes überbewertet, drittens befindet sich die Öffnung eines Schottenrockes hinten, und viertens: Wacken bildet.“

Hansis Wunsch für das 30. W:O:A, wenn alles möglich wäre:
„Led Zeppelin, ruhig auch mit dem kleinen Bonham. Gönnen wir den Toten ihre wohlverdiente Ruhe.“

Text: Christof Leim


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